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Innsbrucker Nachrichten

Hinweis

Die nebenstehenden Texte können Sie im Original und vollständig in den Innsbrucker Nachrichten finden, die auf der Webseite ANNO abzurufen sind. Wie sie den Text am besten finden, habe ich auf meiner Startseite beschrieben.


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Über die Ursache des Gestanks am Ursulinengraben (Kloake oder Krautwasser?)
In Innsbruck werden als Vorsichtsmaßnahme gegen die Cholera schon seit 3 Wochen die Aborte der Einkehrgasthäuser sowie der Kaffee- und Schankhäuser mit Eisenvitriol und Carbolsäure desinfisziert
Die neue Abortreinigungsmethode mit Schlauch und Tonne bricht sich langsam in unserer Stadt Bahn, denn man sieht die seltsamen zweirädrigen Gespanne häufiger ja nahezu täglich durch die Straße fahren. Man möchte meinen, dass die Hausbesitzer mit Vergnügen dem alten System Valet sagen, das ihnen für ein Entgelt von 5 – 20 kr. außer mehr nächtlicher Ruhestörung auf Tage das ganze Haus verpesten, und sogar ungünstig situierte Hausbewohner zum zeitweiligen Verlassen ihrer Wohnung trieb. Allein die Colonnen von verdächtigen Fahrzeugen, die noch immer mitternächtlich zur Stadt hereinfahren, zeigen uns, dass man sich von der Alters her geerbten Gewohnheit nur schwer trennen kann.
GR Prof. Ullmann rügt, dass das Innbett zur Ablagerungsstätte allen möglichen Unrathes benützt werde, was nicht nur geeignet sei, die Stadt in ein schiefes Licht zu setzen, sonder, da auch in Fäulnis übergehende Abfälle dort abgelagert werden, geradezu sanitätswidrig sei.
Dem Bauamt wird die Trockenlegung des „Todten Meeres“ neben der Innstraße unterhalb des „Fratzenpalastes“ (der Knabenschule) anempfohlen. Bei dieser Gelegenheit sei auch noch der sich täglich erneuernden Hügel von Küchenabfällen gedacht, die meistens den ganzen Tag über die Öffnungen der Wasserkanäle überwölben, um dem Spaziergänger durch die Innstraße, die Kirch- und Nikolausgasse die richtigen Begriffe von der so oft gerühmten Reinlichkeit der Stadt zu vermitteln. Wenn Hausfrauen, Mägde und Köchinnen zu jeder Zeit des Tages, wie es ihnen beliebt, allen Kehricht und Unrath nur vor die Thüre in die Mitte der Gasse werfen und ihre Pluderschaff allüberall ausleeren, so wird eine solche Gasse oder Straße immer von Schmutz und Gestank erfüllt sein. Dagegen hilft keine Polizeiwache, die man doch nicht an jede Ritsche stellen kann und keine Vorschrift der Behörde. Vielmehr muss die Bürgerschaft die Pflege der Stadt als eine Ehrensache betrachten.
Zur Reorganisation des Latrinenwesens wurde im Gemeinderath zur Beschaffung einer ganzen Garnitur zur geruchlosen Entleerrung der Gruben bewilligt. Diese Garnitur, bestehend aus einer Pumpe (Locomobile) und 4 Wagen mit einem Kessel sind bereits beigeschafft und wurden heute vormittags im Hofe des goldenen Dachlgebäudes einer Probe unterworfen. Die Versuche sind befriedigend ausgefallen, wenn man nicht verlangt, dass Spülhudern, Besen, Dachziegel, halbe Teller, Stiefel und andere nicht in die Abortgrube gehörige Gegenstände auch ihren Weg durch den 11 Centimeter weiten Schlauch finden sollen. Der Unterschied zwischen der bisher angewandten pneumatischen Methode und der neuen ist der, dass in den Tonnen die Luft viel gründlicher ausgepumpt wird, als es früher durch die von der Sill in Bewegung gesetzte Luftpumpe in der Kompostdünger-Anstalt möglich war. Dieses Geschäft der Luftverdünnung in den Tonnen besorgt jetzt eine kleine, zierliche Dampfmaschine, die auf der Straße oder in den Höfen neben den Tonnen, und während sich dieselben anfüllen, arbeitet. In Folge dessen ist natürlicherweise die Wirkung des Luftdruckes, welcher den Inhalt der Gruben durch die Schläuche presst, umso gewaltiger und die Reinigung der Gruben umso gründlicher. Die Apparate sind vom Maschinenbauer Bausch in Cannstatt beigestellt. s.a. 14.11., 19.11.1879 sowie die rechtlichen Ausführungen im Sitzungssprotokoll des Gemeinderates im Bericht…
Da man den genauen Rauminhalt sämtlicher Latrinen des Stadtgebietes nicht genau zu ermitteln vermochte und die Berechnungen zwischen 7.500 und 12.000 Kubikmeter schwanken, ist es fraglich, ob man mit dem gegenwärtig im Besitze der Stadt befindlichen Park im Stand sein wird, innerhalb Jahresfirst alle Latrinen zu reinigen. Der Gemeinderath beschließt daher, den Stadttheil jenseits des Inns und die Kohlstadt vorläufig von der pneumatischen Reinigung auszuschließen. Der Referent verliest sodann den Entwurf des Statuts, das in drei Theile zerfällt und in 11 Paragraphen das Reinigungswesen regelt. § 1 und 2 bestimmen, dass vom 1. Februar ds. Js. an die Latrinen-Reinigung innerhalb des inneren Stadtgebietes ausschließlich auf pneumatischem Wege geschehen dürfe unter Verbot des bisherigen Verfahrens. Zugleich wird die Durchfuhr anderer als völlig geschlossener Düngerbehälter durch die Stadt verboten. § 3 erklärt, dass die Stadt durch ihre Angestellten die Reinigung gegen festgesetzte Entlohnung übernehme. Nach § 4 haben Hausbesitzer die gewünschte Reinigung und ihre Absicht bezüglich Bewerthung der Masse 40 Tage vor dem Vollwerden der Grube beim städtischen Bauamt anzumelden. Als Tarif werden 30 kr. im Falle der Verwerthung der Fäkalmasse, ohne diese 60 kr. per Kessel festgesetzt. (Für einen Hausbesitzer, der auf den Dünger verzichtet, fallen daher Kosten von ungefähr 2 fl.…
Noch einmal zur Latrinenreinigung: Das Verbot des sogenannten Raggelns ist von der k.k. Statthalterei als Sanitätsbehörde ausgegangen. Seine Aufgabe war es, das Verbot zu Ausführung zu bringen. Alle übrigen Vorschriften gelten nur für Hausbesitzer, welche freiwillig um die Entleerung ihrer Abortgruben ansuchen. Wem also diese Vorschriften nicht gefallen, oder wer aus sachlichen, persönlichen oder gar aus politischen Gründen gegen die städtische Latrinenreinigung eingenommen ist, der braucht sich um dieselbe nicht zu kümmern, sondern hat nur dem Statthaltereierlass gemäß zu sorgen, dass er die Latrinenstoffe ohne „Raggeln“ in sanitätsgemäßer Weise aus dem Hause bringe
Gegen die vom Gemeinderathe beschlossene obligatorische Einführung der Reinigung der Latrinen auf pneumatischem Wege haben etliche 60 Hausbesitzer daher einen Rekurs überreicht, der gestern beim Landesausschuss zur Verhandlung kam. Wie wir vernehmen anerkannte der Landesausschuss, dass die neue Art der Latrinenräumung allerdings besser sei als die alte, dass jene aber doch noch nicht so vervollkommnet sei, dass sich jetzt schon die obligatorische Einführung derselben rechtfertigen ließe. Gegen diesen Bescheid dürfte von Seiten der Stadt die Berufung an den Verwaltungsgerichtshof erfolgen.
Die Gemeinderäthe Sander und v. Gasteiger liefern, da gerade der Punkt der Reinhaltung der Stadt zur Sprache kommt, drastische Beispiele von Entleeren des Spülichts, Kehrichts und allerlei Unrath durch die Dienstmägde, Ausgeherinnen etc. während des Tages auch auf den frequentiertesten Plätzen und Straßen, wie Margarethenplatz, Erlerstraße, Maria Theresienstraße, und dringen auf schärfere Überwachung der Polizeivorschriften. Die Ursache liegt wohl darin, dass das Dienstpersonal der Hausbewohner, die sich leider nur zu oft die Reinlichkeit der Stadt wenig angelegen sein lassen, zuerst genaue Spähe halten, ob wohl keiner der Polizeimänner herum sei, dann schnell allen Unrath auf die Rischen oder auch bloß auf die Straße werfen und ebenso schnell wieder verschwinden.
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